Andrea del Castagno (1420 ca. - 1457), Letztes Abendmahl, (ausschnitt). Florenz, Cenacolo di Sant'Apollonia

   Das Letzte Abendmahl: künstlerisches Ritual in den "Refektorien" der Kloster.

    "Als es Abend wurde, begab sich Jesus mit den zwölf Jüngern zu Tisch. Und wahrend sie aßen, sprach er: 'Amen ich sage euch: Einer von Euch wird mich verraten und ausliefern.' Da waren sie sehr betroffen, und einer nach dem andern fragte ihn: "Bin ich es etwa, Herr?' Er entwortete: ‘Der, der die Hand mit mir in die Schüssel getaucht hat, wird mich verraten. Der Menschensohn muß zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre". (Mt, 26, 20-24).
    In der dramatischen Szene des Letzten Abendmahls wird der Höhepunkt des irdischen Lebens Christi dargestellt, welcher der Einsetzung der Eucharistie und dem Kreuzesopfer vorausgeht. Diese Darstellung eignete sich wohl besonders zur Ausschmückung der großen Klosterrefektorien - vor allem in Florenz - als das ideale Thema für Meditation und Gebet der Klostergemeinschaft, die sich zum Mahl versammelte.
    Im 14. Jahrhundert wird die Abendmahlszene Bestandteil der großartigen Freskenzyklen, die das Leben und Leiden Christi darstellen. Im "Quattrocento", als sich die Perspektive durchsetzte, wurde das Abendmahl als eigenständige, wandfüllende Szene gedacht. Der rechteckige Bau Giottos in der "Cappella degli Scrovegni" zu Padua, der von Taddeo Gaddi im florentinischen Abendmahl von Santa Croce aufgegriffen wird, leitet bereits auf die stark gedrängte Darstellung des lichtdurchfluteten, kubischen Raumes mit dem monumentalen Abendmahl von Andrea del Castagno in Sant’Apollonia über.
    Einen eher realistischen Erzählstil verraten die Abendmahlfresken von Domenico Ghirlandaio in Florenz und in der Badia di Passignano, die kurz vor dem Fresko Leonardos in Mailand entstanden sind. Leonardos Meisterwerk machte die florentinische Malweise in ganz Oberitalien berühmt. In Florenz wird dieser Einfluß in der Malerei Franciabigios im Cenacolo della Calza deutlich, während die Farbe und das Licht der umbrischen Landschaft das Abendmahl von Perugino im Refektorium von Foligno gekennzeichnen. Im Abendmahl von San Salvi übertrifft Andrea del Sarto die vorausgehende Tradition, indem er seine Szene durch michelangioleske Leuchtkraft und psychologisches Einfühlungsvermögen prägt, die den Figuren "unendliche Erhabenheit, Majestät und Anmut" verleihen.
    Infolge der Auflösung der Klosterorden im 19. Jahrhundert wurden diese Klausurrefektorien zu Monumenten von höchstem künstlerischem Wert, die heute für Besucher geöffnet sind.

Die bedeutendsten florentinischen Abendmahlsäle: eine neuentdeckte Spiritualitat.

  • Refektorium von Santa Croce. Das Letzte Abendmahl von Taddeo Gaddi (um 1340), darüber der Kreuzesbaum und andere Szenen, Fresko. Ehemals Giotto zugeschrieben, ist es vielleicht die erste große Abendmahlszene in Florenz.


  • Florenz, Museo dell’Opera di S. Croce, ehemaliges großes Refektorium des 14. Jahrhunderts.
  • Refektorium von Santo Spirito. Fragment des Letzten Abendmahls, darunter die Szene der Kreuzigung von Andrea Orcagna (um 1370).


  • Florenz, Fondazione Romano, ehemaliges Refektorium von Santo Spirito.
  • Refektorium von Santa Apollonia. Das Letzte Abendmahl, daruber Kreuzigung, Kreuzabnahme und Auferstehung, das bedeutendste Fresko von Andrea del Castagno (vor 1450).


  • Florenz, Museo del Cenacolo di Sant’Apollonia Via XXVII Aprile 1, ehemaliger Refektoriumsaal des Klosters Sant’Apollonia.



Andrea del Sarto (1486 - 1530), Letztes Abendmahl, (ausschnitt). Florenz, Cenacolo di San Salvi

  •  Refektorium der Badia di Passignano. Die erste der großen Darstellungen des Letzten Abendmahls von Domenico Ghirlandaio (1476) im Refektorium des Klosters.


  • Tavarnelle Val di Pesa, Vallombrosanerkloster in Passignano.
  • Refektorium von Ognissanti. Das letzte Abendmahl an der Stirnseite des großen Refektoriums im Kloster Ognissanti stammt von Domenico Ghirlandaio (1480); von dem Fresko ist auch die Sinopie zu sehen.


  • Florenz, Cenacolo del Ghirlandaio, Borgognissanti 42.
  • Refektorium in der Pilgerherberge (Foresteria) von San Marco. Das Fresko von Domenico Ghirlandaio mit der Darstellung des Letzten Abendmahls (um 1482) schmückt das kleine Refektorium im Dominikanerkloster San Marco.


  • Florenz, Museum San Marco, Piazza San Marco 1.
  • Abendmahlsaal in Foligno. Im Refektorium des ehemaligen franziskanischen Tertiarierklosters Sant’Onofrio, auch Kloster von Foligno genannt, malte Perugino das letzte Abendmahl (um 1495), das sich durch die leuchtende umbrische Landschaft im Hintergrund auszeichnet, während die Figuren eher eine Werkstattarbeit zu sein scheinen.


  • Florenz, Conservatorio di Foligno, Via Faenza 42.
  • Cenacolo della Calza. Das Kloster, in dem Franciabigio die ganze Rückwand des Refektoriums mit dem Letzten Abendmahl (1514) ausmalte, hieß San Giovanni alla Porta di San Pier Gattolino, das später nach der langen Kapuze nach der langen "Strumpfkauze" der "Ingesuati"-Mönche den heutigen Namen annahm.


  • Florenz, Convento della Calza, Piazza della Calza 6.
  • Cenacolo di San Salvi. Im antiken Refectorium des Klosters der Vallombrosianer-Monche am Stadtrand von Florenz malte Andrea Del Sarto das sehr wirklichkeitsnahe Letzte Abendmahl, sein eindrucksvollstes Meisterwerk, "eines der schösten Gemälde des Universums (begonnen und zwischen 1526 und 1527 vollendet).


  • Florenz,Cenacolo di Andrea del Sarto, via San Salvi 16.
     

Francesco di Cristofano, detto il Franciabigio, (1482 - 1525), Letztes Abendmahl, (ausschnitt). Florenz, Cenacolo della Calza
Andrea del Sarto (1486 - 1530), Letztes Abendmahl. Florenz, Cenacolo di San Salvi

      "... daß dieses Werk für die genialste, in Kolorit und Zeichnung naturwahrste Schöpfung gilt, - und sie ist es auch gewiß - die er je ausgeführt, ja die überhaupt möglich ist; denn von anderm abgesehen, hatte er allen Gestalten unendliche Erhabenheit, Majestät und Anmut verliehen, so daß ich von diesem Abendmahl nichts zu sagen weiß, was nicht unbedeutend wäre; denn es ist so, daß jeder, der es sieht, es anstaunt. Kein Wunder also, daß es seiner Güte halber bei den Verwüstungen während der Belagerung von Florenz, im Jahr 1529, unversehrt blieb, damals als die Soldaten und Verheerer auf Weisung des Befehlshabers alle Vororte außerhalb der Stadt, die Klöster, Hospitäler und sämtliche Gebäude sonst zerstörten. Sie hatten also die Kirche und den Glockenturm von San Salvi zerstört, begannen einen Teil des Klösters einzureißen und waren beim Refektorium, wo dies Abendmahl ist, angelangt; als aber ihr Führer das Wunderbild sah (vielleicht hatte er auch davon sprechen hören) gab er das Unternehmen auf und ließ nichts weiter von diesem Ort zerstören, indem er sich vorbehielt dies zu tun, falls es nicht anders ginge". (Giorgio Vasari, 1568).

    "Auch heute noch ist der Besucher überwältigt von den eindrucksvollen Räumen des ehemaligen Klosters, wenn er von der Küche mit dem riesigen Kamin aus Pietra Serena und vom Arbeitszimmer mit einem wunderschön reliefverzierten Lavabo von Benedetto da Rovezzano das große Refektorium betritt, an dessen Rückwand das Letzte Abendmahl mit der Lebendigkeit einer Bühnenszene dargestellt ist".
(Serena Padovani, 1986)

Domenico Ghirlandaio (1449 - 1494), Letztes Abendmahl, (ausschnitt). Badia di Passignano, Tavarnelle Val di Pesa (Florenz)
 

     "In der Mitte des Bildes stehen sich die beiden Hauptpersonen des großen Dramas gegenüber: Judas, im vollem Bewustßein des Verrats, druckt mit seiner Haltung, dem Blick und dem wirren Haar seine düstere Einsamkeit aus; Christus richtet die Augen mit feierlich verklärtem Blick auf den Tisch, hebt die rechte Hand mit segnender Geste und scheint fast getröstet durch die Nähe des Johannes, seines jungen Lieblingsjüngers, der in diesem Augenblick seinen Kopf an die Brust des Meisters lehnt".
(P.N. Vasaturo, 1989)

Pietro Perugino (1450 - 1524), Letztes Abendmahl, (ausschnitt). Florenz, Cenacolo di Foligno

Projektplanung und Text von Mario Carniani. Fotos von Mario Quattrone.
Mitarbeit: Cooperativa "Giotto" Guide Turistiche und Florence Promhotels.
Eindrucksvoller Kunstweg in Florenz abseits vom Touristenstrom.
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